In Vorbereitung der documenta 12 hält Roger Buergel Vorträge zur Migration der Form. Dahinter verbergen sich für mich zwei Gedanken:
Unser Zeitalter ist bestimmt von Ausgrenzung und Vertreibung. Millionen von Menschen mussten und müssen aus sozialen, politischen, ethnischen und wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verlassen. Gleichzeitig findet ein Ringtausch von Arbeitskräften rund um den Globus statt. Während die Unternehmen in die Länder gehen, wo die niedrigsten Löhne gezahlt werden können, wandern Arbeiter(innen) ins Ausland ab, wo sie (oft illegal) etwas mehr verdienen als in ihrer Heimat.
Auf einer anderen Ebene vollzieht sich der globale Ideen- und Warenaustausch. Ob man will oder nicht, übernehmen die Menschen in den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen Konsumartikel, Marktmechanismen, Unterhaltungsprodukte und kulturelle Formen, die meist westlich-kapitalistischer Prägung sind.
Das NBP-Objekt ist ein Symbol für diese Migration der Form. Es zirkuliert in 20facher Ausfertigung in verschiedenen Ländern und Kontinenten. Es hat überall die gleiche Form und steht für die industrielle Serienfertigung moderner Prägung. Wie ein Migrant ist das Objekt anonym und heimatlos. Es wird von Gruppe zu Gruppe und von Haus zu Haus weitergerecht. Durch die Wanderung des Objekts entsteht unter den Teilnehmern eine verschworene Gemeinschaft, die aber auf der Homepage zu dem Projekt nachvollziehbar wird.
Der entscheidende Unterschied zu anderen industriell gefertigten Produkten besteht darin, dass der jeweilige Empfänger das Objekt nicht nur hüten und weiterreichen, sondern auch auf individuelle Weise kreativ benutzen soll. Dadurch wird das Objekt zu einer Art sozialer Skulptur.
Es bedarf gar nicht erst der Aufforderung von Ricardo Basbaum, das Objekt zu benutzen. Es selbst trägt in sich den Aufruf zur Benutzung, denn das eigenwillige Objekt erscheint einem sofort als ein Gefäß, das man wie eine Wanne füllen muss, oder als ein Boot, das schwimmen will. Instinktiv denkt man an Wasser, wenn man erstmals das weiße Objekt mit seinem blauen Rand sieht.
Das Herausfordernde dieser sozialen Skulptur ist, dass es so fertig wirkt und wenig gestaltbar erscheint. Deshalb haben viele Teilnehmer das Objekt nicht nur benutzt, sondern haben mit ihm auch etwas unternommen. Überraschend ist, wie viele das Objekt mit in den öffentlichen Raum genommen und damit die Sinnstiftung erfüllt haben.
Der Künstler als Regisseur: Ricardo Basbaum [click to see]