Nun sind wir 91 Teilnehmer. Das Feld ist dicht besetzt. Aber ich habe in der Choreografie den Platz behalten, dermir seit Wochen zugewiesen ist. Das NBP-Objekt, das ich zur Bearbeitung hatte, ist nach Hamburg weitergewandert und hat dort wunderbare Aktionen provoziert.
Die Partizipation, zu der Basbaum eingeladen hat, funktioniert. Nicht nur bei der Verlängerung der Wege, über die die Objekte wandern. Auch im Aue-Pavillon, wo Ricardo Basbaum mit seiner Installation einen begehrten Ruheraum geschaffen hat, in dem wie beiläufig die Informationen über das Projekt vermittelt werden.
Weil die Teilnehmer namentlich aufgeführt sind, werde ich häufiger auf die aktion angesprochen. Immer wieder bin ich erstaunt, dass viele das Mitmachen als mutig empfinden.
Partizipation III
May 12th, 2007
Eine besondere Form von Partizipation richtete 2003 die Künstlerin Maria Eichhorn aus, als sie vom Kasseler Kunstverein zu einer Ausstellung eingeladen worden war. Während in den Räumen des Kunstvereins ein Teil einer Ausstellung der Kunsthalle Fridericianum zu sehen war, lud Maria Eichhorn zu ihrem Projekt "Mit Maria Eichhorn korrespondieren" ein. Vor dem Kunstverein hing ein entsprechendes Transparent, und im Kunstverein lagen Karten, die diese Einladung bekräftigten.
Das heißt: Außer dem Titel mit der Einladung zur Korrespondenz war nichts zu sehen. Die Künstlerin hatte ein Werk im klassischen Sinne verweigert. Umrisse konnten durch eine Korrespondenz (per E-Mail) erst dann entstehen, wenn die Kunstvereinsbesucher die Initiative ergriffen und zu einem Thema ihrer Wahl an Maria Eichhorn schrieben. Die Künstlerin antwortete, doch blieb dieser Briefwechsel für alle anderen Besucher und Freunde des Kunstvereins unsichtbar. Es konnte also durchaus ein komplexes Werk entstehen, dessen Umfang und Inhalte aber allein die Künstlerin kannte.
Während bei Basbaum sich die Partizipation auf das reale NBP-Objekt stützt, war im Falle Maria Eichhorn im Grunde die E-Mail-Adresse die einzige konkrete Basis.
Ende der 60er-Jahre wurde es Mode, Besucher zu aktiven Benutzern von Kunstwerken zu machen oder sie in Aktionen einzubeziehen. Die Fluxus-Bewegung hatte ebenso dazu beigetragen wie die Op-Art. Die Betrachter wurden zu Mitspielern, zu Akteuren. Doch waren ihre Handlungsspielräume vergleichsweise klein.
Eine neue Qualität der Partizipation brachte Joseph Beuys in die Kunst. Seine Entscheidung, 1972 zur documenta 5 im Museum Fridericianum keinen klassischen Ausstellungsbeitrag zu präsentieren, sondern ein Büro seiner Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung einzurichten, entsprach einerseits dem Geist der Zeit und war andererseits revolutionär. Beuys eignete sich die Attüde der 68er-Kunststudenten und -Künstler an, die nicht mehr produzieren, sondern über die Produktionsbedingungen diskutieren wollten. Viele Besucher meinten, Beuys nehme Abschied von der Kunst.
Tag für Tag, 100 Tage lang, stand und saß Joseph Beuys von 10 bis 20 Uhr in seinem Büro und diskutierte mit den Besuchern über Wirtschaft und Gesellschaft, Politik und Kultur und auch über die documenta. Beuys argumentierte in Lehrer-Manier, aber etliche Besucher hatten den gleichen Gesprächsanteil wie er. Sie wurden als Diskutanten ernst genommen. Manche von ihnen merkten erst später, dass sie, in dem sie über die Veränderung der Wirklichkeit sprachen, Teil eines neuartigen Kunstprozesses wurden. Beuys hatte die Erweiterung seines Kunstbegriffes vollzogen. Das Reden über Kunst und Gesellschaft hatte den selben Stellenwert wie das Machen von Kunst.
Fünf Jahre später, unter der Honigpumpe, intensivierte Beuys diesen Prozess. Er nahm sich stärker zurück und tauchte in der Diskussionsgruppe (Seminar) ein. Auf der Basis der documenta und aus einem neuen Verständnis von des kreativen Schaffens wurden Projekte für die Gesellschaft erörtert. Nun konnte jeder ein Künstler werden.
Über die Gesellschaft diskutieren: Plastiktüte der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung in dem NBP-Projekt [click to see]
Partizipation I
January 17th, 2007
Ricardo Basbaum lädt zur Teilhabe ein, zum kreativen Umgang mit seinem NBP-Objekt.
Das verführt zum Nachdenken - über Begegnungen mit Kunst-Projekten, die die Besucher dazu auffordern, ihre ausschließliche (passive) Betrachter-Rolle aufzugeben.
Das erste Erlebnis in dieser Hinsicht hatte ich Mitte der 60er-Jahre beim Besuch einer Robert Rauschenberg-Ausstellung in Krefeld. Zu den ausgestellten Bild-Objekten (Combines) gehörte "Black market" von 1961: Von dem an der Wand hängenden Bild führt ein Seil/Draht zu einem auf dem Boden liegenden Koffer. Eine Hinweistafel forderte die Besucher dazu auf, aus dem Koffer einen Gegenstand (in der überwiegenden Zahl handelte es sich um Papiere) zu entnehmen und durch einen anderen zu ersetzen.
Das Bild veränderte sich dadurch nicht, wohl aber der Inhalt des Koffers. Wir, die wir unvorbereitet mit Rauschenbergs Werk in Berührung kamen, nahmen die Arbeit und die damit verbundene Aufforderung als Scherz auf.
Die Tatsache aber, dass die Begegnung mir heute noch lebhaft vor Augen steht, beweist, wie tief mich diese Form der Partizipation berührte. Vor allem ist heute interessant, zu erfahren, ob der Koffer noch Objekte aus dieser Zeit enthält.
Vertraute Umgebung
January 3rd, 2007
Das NBP-Objekt ist dominant. Die Beschäftigung mit ihm hat dazu geführt, dass sich die Form in der Vorstellung als Bild eingebrannt hat: Die blau begrenzte weiße Fläche mit der zylindrischen Öffnung im Zentrum. Das Objekt wird zur Projektionsfläche für Gedanken und innere Bilder.
Und noch etwas geschieht: Das Diagramm, das die derzeit 61 Teilnehmer im Verhältnis zueinander bestimmten Plätzen zuweist, wird allmählich zur vertrauten Umgebung. Je häufiger man sich hineinklickt und nachschaut, wer dabei ist und wer sich wie mitteilt, desto bildhafter werden die Namen. Personen und Gruppen gewinnen Profil. Die Teilnehmer werden zu einer Art Gemeinschaft. Und in dieser Gemeinschaft bewegt man sich wie in einer Stehparty, bei der man herumwandert und sich mal hier und mal dort wiederfindet. Verfolgt man das Diagramm über Wochen, dann entpuppt es sich als eine Art Bewegungsprotokoll. Allerdings bewegen sich die Teilnehmer nicht selbst, sondern werden wie Schachfiguren gesetzt.
Das Feld der Teilnehmer ist wieder in Bewegung geraten. Auch ist es dichter geworden. Die Standorte wechseln rasch, ebenfalls die Ausrichtungen der NBP-Formen, die sich in dem Moment zeigen, in dem ein Punkt angeklickt und der Name sichtbar wird.
Je mehr Teilnehmer registriert sind, desto enger wird das Feld. Personen, die durch Kontinente getrennt sind, werden zu Nachbarn. Im Moment schließt die mit meinem Namen verbundene Form FO/GO lab (Wien) ein. Außerdem wird der Punkt von Fabiana Rossarola (Porto Alegre), die 2002 Teilnehmerin war, berührt.
Allerdings lassen sich die weitere Verdichtung und die zahlreichen gegenseitigen Überlagerungen der Formen im Einzelbild nicht darstellen. Das kann man nur tun, indem man die Wanderung des Cursors über das Feld im Film dokumentiert. Insofern bleiben die Überschneidungen für das Auge und das Foto flüchtige Erscheinungen.
53 Teilnehmer sind registriert. Nur der kleinere Teil von ihnen hat bisher den Umgang mit dem NBP-Objekt dokumentiert. Gleichwohl beginnt das Projekt Kreise zu ziehen, in die auch solche Personen einbezogen werden, die selbst an dem Kreislauf der NBP-Objekte nicht beteiligt sind.
Ein Beispiel: Die Herausgeberin eines Buches über die "Participation" (Teilhabe)des Publikums an Kunstprojekten stößt auf einen Text, der schildert, wie Joseph Beuys anlässlich der documenta 5 (1972) in Kassel ein Büro für "Direkte Demokratie durch Volksabstimmung" einrichtete und die Besucher in Gespräche über Politik, Wirtschaft, Kreativität und Kunst einbezog. Auf der Suche nach anderen Partizipations-Projekten entdeckt sie im Internet Ricardo Basbaums NBP-website und findet unter den Teilnehmern den Autor des Textes über die Beuys-Aktion. Dieser aber hat in einem Beitrag zum NBP-Projekt das Motiv einer Postkarte benutzt, die Bezug auf Beuys' "Direkte Demokratie" nimmt. Wenn das keine Vernetzung ist.
Das Beispiel zeigt, dass zum NBP-Projekt vier Ebenen gehören:
1) Die handfeste Benutzung/Bearbeitung der wannenförmigen Objekte und deren Weitergabe an andere Teilnehmer. Dabei kommen bei der Übergabe jeweils zwei Teilnehmer in direkten Kontakt miteinander.
2)Die Registrierung der Teilnehmer auf der Internetseite und die Dokumentation oder Kommentierung der Aktionen mit dem Objekt.
3) Das Diagramm auf der website, dass die Teilnehmer und das sie verbindende Objekt in Beziehung zueinander setzt und eine Zusammenschau der gesamten Aktion seit 1994 möglich macht.
4) Die Reaktionen von Interessenten, die selbst nicht Teilnehmer sind (waren), die aber durch Veröffentlichungen auf das NBP-Projekt aufmerksam geworden sind.
Alles im Lot
December 5th, 2006
Die Zeit der Bodenlosigkeit ist vorbei.
Das Diagramm ist wieder sichtbar - und zwar in der alten Form. Keine Neukonstruktion also und kein Ortswechsel.
Stillstand
December 5th, 2006
Das NBP-Objekt ist sperrig. Obwohl es schwer ist, sind seine Wände in sich instabil und neigen dazu, durchzuhängen. Am besten transportiert man es, indem man einen Arm durch die Zylinder-Öffnung steckt und es von außen umfasst.
Immerhin passt es bequem auf die Rücksitzbank im Auto. Man kann also damit umgehen.
Trotzdem befinden wir uns in einer Phase des Stillstands. Die Objekte, die in den Kreislauf gegeben wurden, wandern nicht mehr. Fehlt der Regisseur, der eingreift? Oder ist das Ausdruck unserer gesellschaftlichen Situation, in der immer wieder die Neigung zur Passivität die Oberhand gewinnt?
Einladung zur Teilhabe an einem Prozess. Offenbar muss die Einladung ständig erneuert werden.
Am 27. November hatte ich mich mit dem Diagramm auf der Startseite des NBP-Projekts beschäftigt, das die zeitlich und räumlich getrennten Teilnehmer in eine grafische Beziehung zu einander bringt. Dabei hatte ich festgestellt, dass der mir zugewiesene Punkt, der den Beginn der Zirkulation des Objektes markiert, das ich zur Bearbeitung hatte, innerhalb kurzer Zeit zweimal den Standort gewechselt hat. Auf diese Weise ergaben sich für mich durch diesen Wechsel neue mögliche Beziehungen zu den anderen Teilnehmern.
Doch seit drei Tagen muss ich zur Kenntnis nehmen, dass bei Aufrufen der Startseite das Diagramm nicht mehr erscheint. Ich gelange zwar über das Datum, den Ort oder den Namen zu den anderen Teilnehmern, ich kann auch feststellen, wer wann wo beteiligt war und welche Kommentare abgegeben wurden, doch entstehen dadurch nur lineare Reihungen und Abfolgen. Zeit und Raum sind getrennte und anscheinend unüberwindliche Kategorien.
Das Diagramm hingegen half, Zeit und Raum in Beziehung zu setzen. Jeder Teilnehmer konnte sich aufgehoben fühlen. Vor allem konnte man nachvollziehen, welche Mitspieler durch ein Objekt (im Diagramm durch eine Form) verbunden waren oder sind. Zudem wurden alle auf einer Ebene miteinander verknüpft, auf der die Länder- und Kontinents-Grenzen sowie die Jahre, die uns zum großen Teil trennen, keine Rolle mehr spielten. Die inzwischen 51 Teilnehmer bildeten eine große Gemeinschaft. Das war denn auch genau die Ebene, auf der die Dimensionen der virtuellen sozialen Skulptur sichtbar wurden.
Jetzt habe ich das Gefühl, aus der Ordnung herausgefallen zu sein.
Ich hoffe, das Diagramm wird nur überarbeitet, um in neuer Weise wieder zu erscheinen.
Choreografie III
November 27th, 2006
Es ist, als sollten neue Verbindungen geknüpft werden. Mein Platz ist nun in der oberen Mitte. Die Zahl der Teilnehmer ist von zuletzt 48 auf 50 gestiegen. Nach Brasilien und Deutschland sind nun Österreich, Großbritannien, Argentinien und Chile einbezogen. 13 Objekte kursieren.
Die NBP-Objektform, die sich jetzt aus der Verbindung der Positionen von Christian Kopetzki und mir ergibt, umschließt Brigida Baltar, Dudu Candelot und Jacqueline de Azevedo Martins, die 1996/97 in Brasilien an dem Projekt mitwirkten, sowie Deborah Bruel, die an der 2006 in Brasilien gestarteten Zirkulation beteiligt ist.
Wieso kommt es zu solchen Wechseln? Was bedeutet das für die Aktion?
Mehr und mehr beginnt mich die Frage zu beschäftigen, welchen Plan Ricardo Basbaum mit seiner Choreografie verfolgt oder ob die Teilnehmer mit den ihnen zugewiesenen Plätzen Objekte einer Zufallssteuerung sind.
Der Anlass für meine Überlegungen: Gerade wollte ich vermelden, dass ich in der grafischen Platzierung der Teilnehmer von der Linksaußen-Position in die untere Mitte gerutscht bin, da stelle ich fest, dass dies heute schon nicht mehr gilt.
Obwohl das NBP-Objekt längst weitergewandert ist, verführen seine Formen zum Spiel.
Der Zylinder ermöglicht einen neuen Blick in die Tiefe [click to see]
Verlust der Mitte
November 19th, 2006
Wenn der Durchblick verloren geht: Der offene Zylinder ist herausgeschnitten worden [click to see]
Durchblick
November 19th, 2006
Die zylindrische Öffnung in der Mitte des NBP-Objekts ermöglicht den konzentrierten Blick auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Hier richtet sich der Blick auf die welt der Literatur.
Auf dem Friedrichsplatz führen im Angesicht des Museums Fridericianum alle Wege zusammen. Hier wird das Bemühen um Demokratie zur künstlerischen Arbeit.
Das NBP-Objekt trägt eine Idee weiter, die Joseph Beuys in die Welt setzte. [click to see]
Zwischenbilanz
November 16th, 2006
Die Gruppe der Teilnehmer wächst. Bisher sind 47 Akteure registriert. Die Mehrzahl der Mitspieler lebt in Brasilien. Dort wurden zwei Zirkulationen begonnen (und abgeschlossen), bevor feststand, dass das Basbaum-Projekt in die documenta 12 einbezogen würde.
Im Blick auf die documenta wurde mittlerweile ein neues Objekt in Brasilien auf die Reise geschickt. Außerdem wurden in Großbritannien zwei Objekte in Umlauf gebracht, in Österreich eines.
In der documenta-Stadt kursieren seit dem 18. September sechs Objekte.
Allerdings haben bisher nur 18 Teilnehmer insgesamt ihren Umgang mit dem NBP-Objekt dokumentiert. Besonders beliebt ist die Vorstellung, das Objekt als Wanne oder Boot zu benutzen.
Das Objekt ist weiß, aber das Blau setzt die Grenzen und verhilft zur Form.
Die Auflösung der Formen. Es bleibt die Linie des Horizonts. [click to see]
Zirkulation
November 13th, 2006
Mit dem Eintrag von Christian Kopetzki am heutigen Tag ist dokumentiert worden, dass ich das NBP-Objekt in den gesellschaftlichen Kreislauf zurückgegeben habe.
Was hat sich für mich geändert? In dem Raum, in dem das Objekt gestanden (gelegen) hat, ist eine Leerfläche entstanden. Es fehlt etwas.
Trotzdem bleibt für mich das NBP-Objekt gedanklich weiter verfügbar. Ich habe die Fotos, die ich auf dieser Seite einsetzen kann, als wäre ich noch im Besitz des Objektes. Und ich kann die Wanne weiterhin mit meinen Vorstellungen und Gedanken füllen, so als stünde sie mir noch real zur Verfügung.
Vielleicht beginnt, was den Aspekt der sozialen Plastik angeht, jetzt überhaupt der spannendere Teil, wenn ich an dem Bild- und Gedankenaustausch weiter teilnehme, obwohl meine direkte Verfügungsgewalt längst erloschen ist.